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WWJD - What would Jesus do?
Müde torkele ich morgens ins Bad. Ein Blick in den Spiegel und ich
sehe...nein, diesmal keine schlaftrunkene Babsie, sondern eine mit weit
aufgerissenen Augen. Hinter ihr, oder besser gesagt, hinter mir, steht
ein Kerl.
"Hiiiiiiilfe!" ist meine erste Reaktion, jedoch hat das nicht
zur Folge, dass der Kerl türmt, sondern, dass eine ziemlich aufgeschreckte
Mutter ins Bad stürzt.
"Barbara? Kind, was ist denn los?"
"Da.....da....ist...ein....ein...Mann!" stammele ich völlig
außer mir.
Meine Mutter schaut sich um und erklärt verärgert: "Ich
glaube, dir geht es zu gut! Hier morgens so ein Geschrei zu machen nur
um mich zu erschrecken. Das geht zu weit! Heute hast du Hausarrest!"
"Aber..."
"Ich will nichts mehr hören!" Mit diesen Worten verläßt
sie mit lautem Türknall das Bad und ich bin mit der Gestalt allein.
"Guten Morgen auch!"
Gerade noch rechtzeitig lege ich mir die Hand vor den Mund um nicht noch
einen Tag Hausarrest zu kassieren. Nach einigen Schweigeminuten....
"WER bist du? Und was machst du in unserem Bad und wieso....?"
"Ich bin der ich bin und heute ich will dich mal begleiten!"
"Mich? Aber..."
"Kein aber! Mach hin, sonst kommst du zu spät!"
"Du bist ja noch schlimmer als Mutter. Dann ist es gut, dass ihr
euch nicht kennt. Nicht auszudenken...."
Nachdem ich mir das Gesicht viermal eiskalt abgewaschen und mir drei
blaue Flecken gezwickt habe und die Gestalt immer noch da ist, gebe ich
es auf und bald bin ich auf den Weg zur Schule. So schnell ich auch renne,
die Gestalt ist immer da. Völlig außer Puste komme ich gerade
noch rechtzeitig zum Bus.
"Morgen Babsie! Stell dir vor, diese dumme....."
Die übliche "Morgenlästerei" meiner besten Freundin
Sue beginnt. Sonst immer leidenschaftlich dabei, schweige ich heute, denn
die Gestalt ist immer noch da.
"Du Sue!", unterbreche ich ihren Redeschwall.
"Sag mal, siehst du ihn auch?"
"Wen? Welchen meinst du?"
"Na den hier, neben mir!"
"Ha, ha, du findest es wohl sehr witzig mich zu verarschen."
Beleidigt dreht sie mir den Rücken zu.
"Na toll! Jetzt hast du auch noch meine beste Freundin verekelt.
Du bist eine echte Plage!"
"Dann siehst du ja mal wie das ist!"
Nein, jetzt fängt er auch noch an in meine Gedanken zu reden! Ich
glaube ich werde gleich wahnsinnig.
"Was soll das denn heißen?" frage ich empört.
"Du lästerst jeden Morgen über jemanden ab und denkst dabei
nicht daran, dass dieser jemand sich ziemlich ausgeschlossen fühlt."
Daran hatte ich wirklich noch nie gedacht. Verärgert steige ich aus
dem Bus und renne hinter Sue her. Im Klassenzimmer angekommen spricht
sie kein Wort mit mir und ich mache mich auf einen langweiligen Schultag
gefasst. Noch 10 Minuten bis Stundenbeginn. Shit! Deutsch habe ich ganz
vergessen! Schnell besorge ich mir das Heft vom Klassenstreber und fange
an den schier endlosen Text abzupinseln.
"Babsie!"
"Nicht du schon wieder! Ich muss jetzt schreiben!"
"Du meinst stehlen!"
"Oh man! Jetzt laß mich doch mal in Ruhe!"
"Babsie, du weißt, das Stehlen nicht okay ist! Du hättest...."
"Ist ja gut!"
Wütend bringe ich das Heft zurück. Deutsch fängt an, mutig
melde ich mich und verkünde die fehlende Hausaufgabe. Die Lehrerin
mustert mich einen Moment, dann fährt sie fort. Ohne mich anzumeckern,
ohne Eintrag.
"Siehst du! Ehrlich währt am längsten!" meldet sich
die Stimme.
In der Pause stehe ich allein mit ihm am Rand. Sue ist beleidigt und die
anderen Mädels können mich heute nicht ab, da fällt mir
Andrea auf. Sie steht auch alleine in ihrer Ecke.
Und da merke ich, das die Gestalt bei ihr steht und sich vor sie stellt,
als eine Gruppe Jungs über sie herzieht. Instinktiv gehe ich zu ihr.
"Laßt sie doch mal in Ruhe! Hat sie euch was getan?"
Verwundert über mich selbst starre ich die Jungs an, die sich lästern
verkrümeln.
"Habe ich Babsie, das gerade gesagt? Habe ich wirklich gerade zu
Andrea, der dicken Ungewaschenen gehalten?"
"Ja, das hast du! Und du hast es gut gemacht."
"Oh, du kannst sogar loben?"
"Hey Babsie! Danke für eben!" lächelt Andrea scheu.
"Aber das ist doch Ehrensache! Ich habe dich auch immer fertig gemacht!
Sorry!"
Schon wieder? Was ist heute nur los mit mir?
Später auf den Heimweg beobachte ich die Gestalt und bemerke, da
gibt es noch mehr. Sie scheint überall und doch nur bei mir zu sein.
Sie steht zwischen zwei Streitenden, sie tröstet ein kleines Mädchen,
sie stützt eine alte Frau. Und die Leute bemerken es noch nicht mal.
"Sind die blind?"
"Sie sind so blind wie du!"
"Was soll denn das schon wieder! Langsam nervst du mit deinem ewigen
Genörgel!"
"Ich bin schon dein ganzes Leben bei dir, aber du hast mich auch
nie bemerkt."
"Wie mein ganzes Leben?"
"Eben dein ganzes Leben lang!"
"Aber.....aber....."
"Da gibt es kein aber! Komm, laß uns ins Feld gehen!"
Schweigend laufen wir zum Feld und ich setze mich ins weiche Gras.
"Es gefällt dir hier! Du warst schon oft hier und hast geweint!
Du hast hier deinen ersten Liebesbrief geschrieben und sogar deinen ersten
Kuss bekommen!"
"Woher....?"
"Ich kann dir jede Minute deines Lebens wiedergeben und....."
"....und ich finde das nicht okay! Mein Intimleben geht dich nichts
an. Schließlich....schließlich kenne ich dich gar nicht!"
Ich springe auf und laufe nach Hause.
"Ich war noch nicht fertig! Ich habe dich jede Minute deines Lebens
geliebt, noch bevor du da warst, bevor einer wußte, das es dich
geben wird, war ich da mit meiner Liebe!"
"Du hast mich geliebt? Immer? Auch als ich damals.....und als ich
vor einem Monat und...."
"Immer! Jetzt bist du dran! Fang an zu lieben!"
"Wer bist du? Wer bist du, dass du so lieben kannst?"
In diesem Moment fällt meine Bibel zu Boden. Seltsam, ich habe schon
seit Ende meiner Konfirmandenzeit nicht mehr darin gelesen. Eine Stelle
ist aufgeschlagen und ein Satz springt mir förmlich ins Auge: "Dies
ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt. Auf ihn
sollt ihr hören!"
"Jesus? Man, hätte ich das gewußt! Dich gibt es wirklich?!
Ich werde gleich anfangen zu lieben! Hast du gehört?"
Die Gestalt ist weg, aber ich spüre, das Jesus immer bei mir ist
und mir hilft seine gigantische Liebe weiterzugeben.
© Swetlana Hofmann
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